Kommentar zu "Impfung: Darf der Staat entscheiden? " (SRF: Philosopischer Stammtisch)

Kommentar zu "Impfung: Darf der Staat entscheiden? " (SRF: Philosopischer Stammtisch)

Der Blog bezieht sich auf die folgende Sendung vom "SRF Kultur", die ich auf Youtube fand.
Die Diskutanten waren: Dr. Svenja Flaßpöhler, Dr. Barabara Bleisch, Dr. Stefan Riedener und Dr. Wolfram Eilenberger.

Wer das Video nicht in ganzer Länge sehen möchte, findet im Folgenden einen kleinen Leitfaden bzgl. der diskutierten Schwerpuntke.

Ich möchte 3 Aspekte ansprechen, die meiner Meinung nach in der Diskussion zu kurz kamen. Ich führe sie kurz auf und gehe dann näher darauf ein.

1. Die Vermeidung des Todes als quasi-absolutes Ziel allen Tuns sollte hinterfragt werden.
2. Die Logik der Solidarität angesichts verfügbarer Impfstoffe
3. Utilitaristische Gerechtigkeitsargumente extrapoliert


1. Die Vermeidung des Todes als quasi-absolutes Ziel allen Tuns sollte hinterfragt werden.

Das Video ist in einer konkreten gesellschaftlichen Situation - der Coronapandemie - gedreht. Das Jahr 2021 ist wie das Jahr 2020 eines, wo die Philosophie plötzlich wirkmächtig wird, wo sie zuvor vielleicht nur einen kleinen Kreis von Interessierten beschäftigte. Die damit einhergehende Verantwortung ist groß und ich gebe zu, dass mich bereits der Titel des Stammtischs "Impfung: Darf der Staat entscheiden?" angesichts seiner - sagen wir Rustikalität -  doch etwas aufhorchen ließ. Ich gestehe auch, dass ich nach dem Fallbeispiel des "Freundes, der sich nicht impfen lassen möchte" und insbesondere den Antworten von Stefan Riedener erst einmal  das Video unterbrechen musste. Das war einfach zu starker Tobak für mich.

Durch diesen sehr plastischen Einstieg in die Diskussion war das Spielfeld des zu Durchdenkenden für meine Begriffe sofort auch etwas zu eng abgesteckt. Durch die sehr kernigen Thesen von Stefan Riedener, dass wir uns bspw. in einer moralischen Pflicht gegenüber anderen sehen sollten, uns zu impfen, dass es angesichts der Gefährlichkeit von COVID durchaus legitim sein kann, dass der Staat eine Impfpflicht verhängt, wenn sanftere Druckmittel wie Einschränkung der Freiheiten für Ungeimpfte nicht wirksam genug sind(!), kreiste die Stunde später weitesgehend um die sich scheinbar gegenüber liegenden Pole maximalen Schutzes für die Gesundheit einerseits und Liberalität andererseits.

Diese Gegenüberstellung wurde durch das Aufwerfen von Fragen, wie der Mündigkeit des Menschen, von Svenja Flaßpöhler und auch später in Zusammenhang mit Organspenden von Wolfram Eilenberger durch den Verweis auf den Tod als unberechenbares Moment unseres Lebens einige wenige Male fundamental durchbrochen, in Summe fand ich jedoch, dass nahezu die gesamte Zeit ein stark kalkulatorisches Hantieren dominierte.

Dass der Gesundheitsschutz einen hohen Stellenwert hat, wird niemand bestreiten, aber gerade die Philosophie sollte hier nicht stehenbleiben und nicht wie der Markthändler Freiheit und Schutz vor dem Tod miteinander feilschen lassen, noch wie der Mathematiker versuchen ein rechnerisches Optimum zu finden. Mathematiker und Markthändler haben auf ihre Art zwar Recht, aber der Philosoph sollte einen Schritt weiter gehen.

Wir Menschen kennen bspw. den Begriff des Märtyrers, jemanden der für seine Ideale über den Tod hinaus einsteht. Erstaunlicherweise ringt dieser seltene Typ Mensch doch den meisten von uns einen gewissen Respekt ab, selbst dann, wenn unsere Vernunft den Motiven des Handelnden nicht zustimmt.

Kurzum: Aus meiner Warte heraus muss der Philosoph in der Impfdebatte eine nützliche Lösung anbieten können, aber das kann er nur, wenn er in alle Richtungen radikal im Denken bleibt.

Für nützliche Lösungen muss er übrigens auch die Erkenntnisse anderer Wissenschaften bis zu einem gewissen Detailgrad mit verarbeiten. Angesichts von Aussagen im Gespräch wie "...wir müssen uns bewusst sein, dass von uns (allen [Anmerkung Th.P.]) eine Gefahr ausgeht.", hätte ich mir schon zur Einordnung ein paar Fakten gewünscht.
Die Größenordnung der Gefahr muss deutlich beschrieben und artikuliert werden. Sonst betreibt man Fehlinformation der nicht vorinformierten Zuschauer.
Im konkreten Fall wird die Gefahr letztlich von 2 Faktoren bestimmt: Der Intensität der Infektionsquelle und der Empfindlichkeit des Infektionsempfängers. Nun sagt uns die Wissenschaft, dass bspw. zwischen Asymptomatischen und Symptomatischen ein gewaltiger Unterschied bzgl. der Übertragung von wenigstens einer Größenordnung besteht. Von den sehr vielen Menschen, die kerngesund sind und noch nicht einmal das Virus in sich tragen und die über 99% der Bevölkerung darstellen, geht gar keine Gefahr aus. Bei der Frage, wen das Virus als Empfänger gefährlich werden kann, gibt es ein Risikoprofil, welches um den Faktor 1000 schwankt. Kinder sind so gut wie nicht betroffen, während Vorerkrankte bzw. sehr alte Menschen sehr stark bedroht sind.
Hier muss man als Philosoph nicht die letzten Details adressieren, aber eine Einordnung ist doch auch für die phil. Diskssion nötig.

2.Die Logik der Solidarität angesichts verfügbarer Impfstoffe

In der Diskussion wurde mehr oder weniger einhellig davon ausgegangen, dass die Impfung aus solidarischen Gründen angebracht sei, ja es sogar eine moralische Pflicht gäbe.
Der eingangs angeführte Freund, der sich nicht impfen lassen möchte, könnte aus meiner Sicht dem auch so entgegnen:

"Indem ich mich nicht impfen lasse, gefährde ich dich, Geimpften, in keiner Weise, denn du bist ja durch die Impfung geschützt. Ich gefährde nur Menschen, die für sich selbst eigenverantwortlich entschieden haben, sich nicht impfen zu lassen. Diese müssen mit den Konsequenzen, z.B. schwer zu erkranken oder gar zu sterben, leben. Sie haben es aber selbst so gewählt. Ich weiß, dass meine Argumentation für Kinder nicht korrekt ist, aber zu unserem großen Glück sind Kinder kaum von COVID betroffen. Und ja, ich weiß, dass es auch Menschen gibt, für die COVID aufgrund ihres Alters oder ihrer Vorerkrankungen sehr gefährlich werden kann, die sich gern impfen lassen würden und die sich aus bestimmten Gründen aber nicht impfen lassen können. Diese Gruppe ist zum Glück nicht sehr groß und ich bitte zu bedenken, dass von mir die meiste Zeit keine Infektionsgefahr ausgeht. Dies wäre tatsächlich nur der Fall wenn ich asymptomatischer Träger des Virus bin(, denn im Krankheitsfall bleibe ich zu Hause.). Deshalb würde ich die Menschen der zuletzt genannten Gruppe bitten, mich auf ihre Sondersituation aufmerksam zu machen. Dann nehme ich entsprechend Rücksicht."

Das hätte ich gern diskutiert gesehen, insbesondere wenn der Staat sich anschicken würde, die eingeschränkten Grundrechte von Ungeimpften nicht wieder aufzuheben oder gar mit Impfzwang drohen würde.

3.Utilitaristische Gerechtigkeitsargumente extrapoliert

In Zusammenhang mit dem Beispiel der Zuckersteuer stand die Aussage im Raum: "...wenn ich Kosten (für die Gemeinschaft[Anm. Th.P.])  verursache und Sie müssen für diese Kosten aufkommen... Das ist einfach ungerecht."
Sollte in dem Zusammenhang meinen: Wer zuviel Zucker konsumiert oder allgemeiner formuliert, wer zu Lasten der Gemeinschaft ungesund lebt, dem könnte ein staatliches Eingreifen berechtigt Einhalt zugunsten des Kollektivs gebieten.

Die Diskutierenden beschlich das Gefühl, dass man über diese Fragestellung auf eine schiefe Ebene gelangen könnte. Ich sehe das auch so und würde das gern an einem drastischen Beispiel verdeutlichen.

Wir sind heute technisch so weit, dass wir zielgerichtet Gene verändern können. Unter dem Vorwand der Kostenreduzierung für die Gemeinschaft könnte man nach dieser Logik von jedem Individuum verlangen, dass es z.B. Gentherapien an sich vornehmen lassen müsse, da es ansonsten zu bestimmten Krankheiten neigen würde, die die Gemeinkosten unnötig in die Höhe treiben würde.
Das ist nur ein kleines Beispiel. Es lassen sich noch viel dystopischere zeichnen, wenn man bspw. an die Anbindung von Computertechnik an den menschlichen Körper denkt. Dinge, die heute schon möglich sind. Warum verweigerst du dich dein Gehirn an unsere Rechnercloud anzuschließen, schließlich sagt uns die Wissenschaft, dass dies der beste technische Weg ist, bestimmte Dinge zugunsten aller am effizientesten zu lösen.


Ich schließe den Blog mit etwas vollkommen unphilosophischen, unwägbaren, menschlichen...